Fahrbericht Renault Alpine A110 – Genialität auf der Strasse

Vor einigen Wochen durfte ich einen Alpine A 110 testen – meine Lieblings-Sportmaschine, das konnte ich mir selbst einmal mehr bestätigen. Der Alpine A110 oder die Alpine wie man auch sagen könnte, ist ein Genuss in schnellen Kurven, eine totale Wucht in der Beschleunigung und auf den meisten Strecken unschlagbar. Erneut vermisse ich zwar den elektrischen Antrieb, den hat sich Renault aber aufgespart, das wurde schon bei der Entwicklung festgelegt. Da es keine elektrische Alternative gibt, konnte ich dieses Sportauto auch mit vollem Sound geniessen und mich daran erinnern, wie es war als ich noch sportliche Verbrenner fuhr. Inzwischen fahre ich nur noch Testfahrzeuge mit Verbrennermotoren und wundere mich dann auch oft über die fehlende Durchzugskraft und den Lärm, den diese Motoren produzieren.
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Muss aber klar zugeben: im Alpine ist das kein Lärm sondern ein toller Sound der vom sonoren Brummen bis zum vollkommenen Brüllen reicht und eine Soundkonzert bietet, das sehr starke Charakterzüge aufweist. Ich glaube sogar, den Sound würde man im elektrischen Renner vermissen. Vielleicht im Alltag und im Stadtverkehr weniger aber im Beschleunigen ist eine tolle Soundkulisse mit finalem Creszendo nicht zu verachten.
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Auf die neue Alpine A110 habe ich mich sehr gefreut und mir sehr viel Zeit nehmen wollen um die ausgiebig zu testen, leider wurden dann mehr oder weniger Alltagsfahrten unternommen, eine Ausfahrt in die Berge blieb mir ebenso verwehrt wie ein längerer Autobahn-Tripp in Deutschland. Beides konnte ich zeitlich nicht realisieren und bedauere das nun im Nachhinein. Ich konnte die A 110 aber auf meinen Lieblingsstrecken ausfahren und dort darf ich zwar nicht erzählen wie schnell es geht, aber die französische Flunder begeisterte mich über alle Massen. Die hat eine satte Strassenlage vom Feinsten, dass kann man kaum mehr steigern. Zwar gibt es im A110 auch einen Renntrimm, den habe ich mich aber nicht getraut zu verwenden weil ich auf Bergstrassen im Toggenburg und Landstrassen im Thurgau zu wenig Auslaufzone habe. Das ist etwas für den Grenzbereich auf der Rennpiste, im normalen Strassenverkehr hat das nichts zu suchen.
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Man spürt auch ohne Renntrimm und mit Assist-Systemen sehr gut, wie genial die Alpine auf der Strasse liegt und wie faszinierend man mit der Flunder durchs Land fahren kann. Angesprochen auf die Leistung habe ich jeweils das Wort übermässig verwendet, denn die 252 PS beeindrucken von der Anzahl her nicht, sind aber für die 1100 kg im Alpine mehr als genügend um den Sportwagen in 4.5 Sekunden auf 100 km/h zu beschleunigen.
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Der 1,8-Liter-Turbovierzylinder kommt dann zwar durchaus ins Hecheln aber das ist gewollt und die Leistung mit 252 PS reicht vollkommen aus, um viele andere Fahrzeuge hinter sich zu lassen. Gepaart mit der gedrungenen sportlich-aerodynamischen Form ist die Alpine ein Wunder an Fahrpräzision und lässt sich sehr dynamisch in und aus den Kurven lenken. Es gibt in meiner Region einige Kurven die ich noch nie so schnell fahren konnte wie mit der Alpine und ich war immer im sicheren Bereich unterwegs.
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Ich durfte die Alpine im November 2017 einmal bei der Präsentation in den französischen Bergen oberhalb von Marseille testen und dort auch auf der Rennstrecke ausgiebig ans Limit gehen, da zeigte sich der Renner von seiner besten Seite. Nun bin ich erneut beeindruckt, das Teil ist einfach genial konstruiert und in Sachen Kurvenlage und Sportlichkeit nicht kopierbar. Der A110 ist für mich der Sportwagen schlechthin, ein nicht zu unterschätzender Gegner der manchen Konkurrenten in den Schatten stellt.
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Einmal mehr kann man den Spruch anwenden, dass man in Franzosen am ehesten eine optimale Sitzposition findet, bequem sitzt und auch auf Langstrecken-Fahrten bestens aufgehoben ist – das hatte ich der Alpine eigentlich nicht zugetraut, weil die Sitze nicht so verstellbar sind wie in anderen Fahrzeugen. Renault hat hier mit Sabelt aber wohl einen guten Partner gewählt. Die verstehen es einen Sitz zu gestalten. Im Alpine geht es naturgemäss etwas härter zu und die Sitzpolster sind etwas dünner als in anderen Autos, insgesamt kann man sich aber optimal positionieren und die Polsterung ist nicht zu gering. Die Sitze bieten aber genialen Halt und vor allem in Kurven eine stabile Position. Und auch wenn man mehrere Stunden lang fährt kommt man ganz erfrischt am Ziel an und kann sich entspannt aus dem Sitz hieven. Naturgemäss ist das Aussteigen und Einsteigen eine nicht ganz so einfache Sache, vor allem für grosse Personen, die der Pensionierung näher sind als der Volljährigkeit.
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Das französische Sport-Coupé ist eine Hommage an die Marke Alpine, die früher als reinrassige Sportikone lange Zeit im Rallye- und Rennsport dominierte. Alpine war war eine kleine Sportwagenschmiede, die 1955 von Jean Rédélé in Nordfrankreich gegründet und in den Siebzigern von Renault übernommen wurde. Das war zugleich der Name des Coupés, das etliche Rennen gewann. Die neue Alpine A 110 ist aber mehr als die moderne Ausführung, man hat damit auch die sportliche Kompetenz von Renault erneut bewiesen und klar gestellt, dass die Franzosen immer noch vorne mit dabei sind, wenn es um gute Kompromisse geht. Denn irgendwo ist die A110 auch ein Kompromiss. Renault hat nie grossvolumige Motoren gebaut. Renault nie auf den Acht-, Zehn- oder Zwölfzylinder gesetzt sondern immer ganz bewusst aus dem verfügbaren Motorenprogramm mehr Leistung gekitzelt und lieber am Gewicht gespart als grosse Motoren eingesetzt. Und die Form wurde bei Renault immer im Windkanal und nicht im Fotostudio fertig gestaltet und deshalb ist die Alpine A 110 auch weit mehr als nur eine faszinierende Flunder, es ist ein Sportwagen mit beeindruckender Leistung und gutem CW-Wert, dem einzig ein E-Motor fehlt um vollendet zu sein. Angenehm an der Alpine A110 ist auch, dass der Motor durchaus sportlich zu vernehmen ist, aber nicht aggressiv gepolt ist oder wie bei AMG mit Fehlzündungen noch falsche Töne verbreitet. Bei der Alpine ist der Sound echt und nicht überlaut, betont sportlich und doch noch so gestaltet, dass man nebenan weiter sprechen kann.
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Während andere Nachfolger berühmter Vorgänger wie der Mini oder der Fiat 500 grösser und schwerer wurden, hat man bei Alpine die Masse weitgehend kopiert. Der Zweisitzer ist nur 1,25 Meter hoch (einst 1,13 Meter), 1,80 Meter breit (1,60 Meter) und mit einer Länge von 4,18 Metern (3,85 Meter) kaum länger als ein Clio. Mit seinen LED-Knopfaugen, der flachen Haube, den weit ausgestellten Kotflügeln und dem knackigen Heck zitiert das Mittelmotor-Coupé das Original, mit dem das Unternehmen im Jahr 1973 die Rallye-Weltmeisterschaft gewonnen hat.
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Die Form ist derart gestaltet, dass man sich die Alpine auch als Wohnzimmer-Möbel vorstellen kann und ich war versucht durch den Garten zu fahren um meinen Gästen das Spektakel auch aus dem Wohnzimmer zu gönnen. Mangels Zufahrt musste ich das aber dann bleiben lassen.
Praktisch ist die Alpine ein Rennwagen, genau so wenig Platz wie in einem Rennwagen bietet man an. Ein Handschuhfach gibt es nicht, stattdessen eine kleine Ablage unter der schwebenden Mittelkonsole. Die ist jedoch so gestaltet, dass man weder viel hineinlegen kann, noch die Waren wirklich gut versorgt hat, die fliegen in schnellen Kurven einfach raus. Hinten und vorne hat der Mittelmotor-Sportwagen jeweils einen Kofferraum, hinten bringt man 96 Liter Gepäck unter wenn man kleine Taschen packt. Unter der Fronthaube kann man in einem flachen Fach noch mal 110 Liter hinein legen aber wer grosse Waren transportieren will, der wird das Nachsehen haben.
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Mein Fazit:
Die Alpine A 110 ist ein Traum. Rassig und sportlich genug um zuvorderst mitzuspielen wenn es um Geschwindigkeit geht. Agiler als alle hochgezüchteten SUVs und graziler als die meisten Sportwagen mit V6 und V8 und auch V12-Zylinder. Natürlich hat ein Ferrari mit 600 PS irgendwann einmal Vorteile gegenüber der Sportflunder A110 aber das dauert und im kurvigen Gefilde möchte ich lieber die Alpine bewegen als einen Ferrari. Die A110 hat durch eine Gewichtsverteilung von 46 zu 54 % das Hauptgewicht auf der hinteren Achse, womit die Fliehkräfte sich im Grenzbereich sehr lange gutmütig mitbewegen. So ist die A110 immer wieder für einen schnellen Schlenker gut, wo andere Autos dann gnadenlos versagen. Die Kurvenfliehkraft und die Motorsteuerung lassen sich enorm gut miteinander harmonisieren, so sind schnelle Kurven mit voller Beschleunigung in allen Situationen möglich. Das Getriebe und das Fahrwerk harmonisieren sehr gut mit der Kraft und insgesamt vermag mich die Alpine erneut sehr zu begeistern. Die Form ist genial, das Fahren ist gigantisch und ich würde gerne auch im Alltag eine Alpine fahren, das ist mir aber zu wenig ökologisch. Nach wie vor darf ich aber träumen. Träume von einem Ableger mit E-Motor, der mit rund 250 PS und einer Batterie von mindestens 300 km Reichweite gigantisch attraktiv wäre für mich.
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