Fahrbericht Audi E-Tron – Flüsterleiser Riese mit elektrifizierendem Charakter

Audi baut Elektroautos eigentlich nicht wirklich mit Herzblut. So das Fazit eines Insiders aus der Designabteilung die täglich mit Forschern und Entwicklern des Unternehmens zu tun hat. Nachvollziehbar wird die Aussage, wenn man die Entwicklungen und Anstrengungen des Unternehmens genauer betrachtet. Seit Herbst gibt es den Audi E-Tron und zuvor gab es den A3 PHEV und den Q7 PHEV, diese waren allerdings reine Quotenbringer und entsprechend selten im Markt zu sehen. Nur mit einer Quotenregelung ist verständlich, weshalb der Q7 E-Tron nach dem Marktstart einige hundert Mal verkauft wurde und danach aus den Regalen verschwand, weil seit letztem Herbst kaum entsprechende Fahrzeuge zugelassen wurden. Vielleicht hat Audi auch keine Lust mehr auf grosse Riesen-SUVs die dann auch noch Hybrid können. Denkbar auch, dass der Preis unattraktiv gemacht wurde, weil man ja jetzt den E-Tron im Regal hat.
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Der Audi E-Tron wurde vor 7 Jahren angekündigt, man wollte damit die Elektro-Welt erobern und hat dazu auch enorm dick aufgetragen. Angeblich sollte der E-Tron Tesla in den Schatten stellen, sollte bei der Technik weit mehr können als jeder Tesla und vor allem mit Features aufwarten, die Tesla nicht hat. Und ja, in der ersten Ankündigung war davon die Rede das im Jahr 2018 der Marktstart erfolgt und die ersten 50’000 SUVs ausgeliefert werden. Inzwischen weiss man, dass Audi den Mund recht voll genommen hat und einige tolle Features im Auto sind, der E-Tron aber erst im Jahr 2019 startete und auch einige grobe Fehler hat, die man einem Elektro-Fan eigentlich nicht zumuten sollte.
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Audi Schweiz hat mir kürzlich einen E-Tron überlassen und ich konnte mich davon überzeugen, dass der E-Tron viele Versprechen hält, die angekündigt waren. Ich konnte aber auch sehen, dass diverse Entwicklungen vollkommen sinnlos am Markt der E-Auto-Fahrer vorbei erfolgten und absoluter Quatsch sind. Das beginnt aussen, wenn man das erste Mal mit dem Ladekabel an das Auto heran tritt. Das Kabel gehört in den vorderen Kofferraum, klar, dort ist die Kabelbox mit einem Typ 2/Typ 2-Kabel und einem 230 v/Typ 2-Kabel verstaut. Auf dem Funk-Schlüssel des Fahrzeuges findet man den vorderen Kofferraum leider nicht. Im Auto hat es ebenfalls keine Öffnungsfunktion für den vorderen Kofferraum, obwohl man als Elektroautofahrer das Kabel vielleicht zwei oder drei Mal pro Tag herausnehmen und wieder verstauen muss. Schade, aber das ist Quatsch und es wird nur dadurch getoppt, dass Audi die vordere Kofferraumhaube so aufmacht wie man das bisher aufgemacht hat.
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Das heisst: Fahrertür auf, unten am Fussraum links den Hebel für die Motorhaube ziehen und dann vorne an der Motorhaube den Riegel für die Schutzverriegelung im Spalt der Haube öffnen. Bei den ersten drei Malen habe ich jeweils das Kabel in einer Hand gehalten, danach dann immer zuerst die Motorhaube geöffnet und erst dann das Kabel aufgenommen. Denn wenn man die Motorhaube nicht mit beiden Händen öffnet, wird man unweigerlich einen Fingernagel verlieren. Ist die Motorhaube einmal offen geht es weiter mit der Sinnlosigkeit von Audi, denn das Kabel kann dann noch nicht einfach reingelegt werden, nein. Erst muss man die Entriegelung des Plastik-Deckels öffnen, mit dem der vordere Kofferraum davor geschützt wird offen zu sein. Echt jetzt? Mir fällt kein Grund ein, weshalb Audi dort einen Plastik-Deckel verwendet. Auch wenn der Plastikdeckel offen ist kann man im Übrigen das Kabel nicht einfach reinlegen, denn dann muss man noch einen 90 cm langen Reissverschluss öffnen der die Kabeltasche verschliesst. Hat man das Kabel dann drinnen, kann man die ganzen fünf Schritte wieder umgekehrt machen. Wer an zwei Orten laden will wird sich jeden Tag grün und blau ärgern über die Sinnlosigkeit eines Kofferraumes der derart viele Arbeitsschritte braucht.
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Ebenfalls Quatsch ist das ganze Navigationssystem. Ich bin noch nie in einem Elektroauto gesessen in dem mir alle Tankstellen mit Markennamen und Logo angezeigt werden aber laut Audi kann man das ja abschalten, nur findet man dann auch viele andere Navigationspunkte nicht mehr, wenn man die «Point of Interest» ausblendet. Erneut ist mir aufgefallen das man im Audi nicht immer hinfindet wohin man wirklich fahren will, das Navi kennt auch viele Kreuzungen und Kreisel nicht, obwohl die schon Jahrelang stehen.
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Das Innenleben vom Audi E-Tron ist nach dem Q8-Test nichts neues und man findet sich schnell zurecht. Es hat aber nicht wirklich viel neues, obwohl der Antrieb vollkommen anders ist. Ich habe mich schon beim Q8-Test über die Displays gewundert, weil ich nicht verstehen konnte, weshalb man eine Touch-Funktion einbaut die man pressen muss und nicht antippen kann. Die Audi-Pressestelle hat mir dann geholfen das System auf meine Bedürfnisse einzustellen. Denn einstellbar ist es, aber auch so tief und gut versteckt, dass man es ohne Handbuch oder ohne Hilfe nicht sicher findet.
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Schade fand ich dann, dass der Audi zwar drei Rekuperationsstufen hat aber diese nicht wirklich angezeigt werden. Da gibt es unten links in der Anzeige der kWh einen kleinen Strich, der sich von der Mitte um zwei Stufen nach unten bewegt und man muss schon genau schauen, bis man das gefunden hat. Zeigt aber immerhin das man verstanden hat wie wichtig Rekuperation ist, bringt aber deutlich weniger Energieersparnis als gedacht und von Audi in Pressemitteilungen verbreitet worden war. Da war die Rede von vielen Kilometern die man Energie einspart wenn man das Auto richtig fährt und ich muss passen! Ich habe nicht das Gefühl das es sich da um Kilometer handelt die man spart, sondern wohl eher um einige hundert Meter. Obwohl ich mich gerne als Profi bezeichne und mehrere Spartrails gemacht habe die durchaus eindrucksvolle Verbrauchswerte ergaben, auf meiner Hausstrecke konnte ich den Audi e-Tron nicht dazu bewegen, sparsamer als 16 kWh zu fahren. Ich habe nach einiger Zeit auch aufgegeben und nicht wirklich weiter versucht den Verbrauch zu senken, mit einem Tiefst-Testwert von 16.4 kWh auf 100 km Reichweite begeistert der Audi nicht. Kürzlich fuhr ich auf der gleichen Strecke den Hyndai Kona electric und der hatte dann einen Tiefs-Verbrauchswert von mageren 8,7 kWh. Damit liegen zwischen dem Kona und dem Audi wirklich grosse Welten dazwischen, das hat man nun davon.
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Dafür hat man im Audi Leistung satt, wird Audi nun entgegen halten und das kann ich unterschreiben. Der E-Tron hat viel Kraft an Bord, ein angenehmes Allradsystem mit dem Quattro-Antrieb und ein sehr, sehr gutes Fahrwerk. Der E-Tron kann damit beeindruckend schnell beschleunigen und ist vorne mit dabei, wenn es an der Ampel heisst Gas zu geben. Der Komfort an Bord ist vom Feinsten, die Verarbeitung absolut einwandfrei und perfekt. Auch die Windgeräusche, die man beim Tesla oft vernimmt, beim Audi gibt es die nicht.
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Die 361 PS der beiden Elektromotoren (einer pro Achse) und das Drehmoment von 664 Newtonmeter machen deutlich, dass der Audi e-tron einen starken Antrieb hat. Trotz eines Gewichts von fast 2,5 Tonnen sprintet der E-Tron in 5,7 Sekunden auf 100 km/h und holt sich auf der Autobahn auch den einen oder anderen Beschleunigungsrekord, allerdings nur bis zu 200 km/h. Bei 200 Sachen ist endgültig Schluss, dann riegelt der E-Tron seinen Vortrieb ab.
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Während andere Redaktionen den E-Tron in Sachen Reichweite auf durchschnittlich 19 kWh/100 km brachten, konnte ich als Tiefstwert 16.4 kWh verzeichnen. Der Wert kann auch mit grossen Anstrengungen wohl nicht gross nach unten gebracht werden, der E-Tron erweist sich als Schluckspecht. Deshalb hat Audi mir den Wagen auch nicht für zwei Wochen überlassen, die Versuchung wäre gross gewesen, einige Langstrecken zurück zu legen. Insbesondere die Langstrecke soll für den Audi ja kein Problem darstellen, das wage ich aber anzuzweifeln. Ich war auch gerade einige Tage in Deutschland unterwegs und habe erstaunlicherweise nur 3 E-Tron gesehen und nur einer davon war auf der Autobahn unterwegs. Die Landstrasse kann der E-Tron sicher gut, die Autobahn aber – dort ist er am falschen Ort. Denn wenn man mit dem Tesla auf deutschen Autobahnen mit 160 oder 180 km/h ganz gut unterwegs ist, hat man mit dem Audi einen viel zu hohen Verbrauch und kann zusehen wie die Reichweite sinkt. Dann kommt das Fahrzeug nur auf gute 200 km Weg die man mit einer Batterieladung zurücklegen kann.
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Ich wusste schon im Vorfeld das der E-Tron in Sachen Verbrauch eher hoch liegt, habe aber auch erwartet das ich mit meiner E-Erfahrung vielleicht das eine oder andere Ampére einsparen kann, das war aber nicht möglich. Obwohl der E-Tron damit für mich keine echte Alternative zum Model S ist, er ist ein ganz tolles Auto geworden.
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Die Ladeanschlüsse liegen links und rechts sofern man das will und während links das CCS verbaut ist, wird rechts nur ein Typ2-Anschluss verbaut. Für E-Tron Besitzer ist damit das Laden etwas einfacher, denn wirklich gut wäre es von Audi gewesen, wenn man den Anschluss in die Front gebaut hätte. Ladesäulen stehen meist an der Front des Parkplatzes und wenn das Kabel nicht lang genug ist, wird man etwas nachdenken müssen wie man sich hinstellt. Hat ein Schnelllader das eigene Kabel, kann es sogar sein, dass es zu kurz ist. Da hat man dann auch schon gesehen das die E-Tron schräg auf den Parkplatz gestellt sind, das ist dämlich.
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Die Ladesituation ist nicht so gut wie von Audi dargestellt. Audi erzählt gerne das man mit dem E-Tron auch Langstrecken fahren kann. Dazu kann ich sagen das der Audi kann zwar an manchen Ladesäulen wirklich hervorragend betankt werden, an anderen Ladesäulen nuckelt der am Strom als ob man alle Zeit der Welt hat. Mehrfach habe ich zu Hause an der Haushalt-Steckdose geladen und war froh, dass Audi auch ein Mehrfachsystem anbietet, wie es Tesla macht. So konnte ich zu Hause mit 16 Ampère laden und der Audi ist dann nach einigen Stunden wieder voll.
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Erneut bin ich vom Audi überrascht worden, das Assistentensystem kann enorm viel aber sicher nicht, was ich haben muss. Da gibt es den Geschwindigkeits-Assistenten, der bremst ab wenn eine Baustelle kommt oder der 100er signalisiert wird. Er bremst aber viel zu fest und zu deutlich, ausrollen ist nicht. Ich fahre nie aber absolut nie genau 100 oder 80 wenn so etwas signalisiert wird, ich fahre meist 4 bis 5 Kilometer schneller und bin mit 104 oder 105 km/h unterwegs. Audi geht da in die Eisen und will bei eingeschaltetem Tempomat die Limiten genau einhalten.

Inzwischen weiss ich nun auch das die Audi-Fahrer auf der linken Spur gar nicht anders können als den Weg zu blockieren, das Audi-System lässt es nicht anders zu, wenn man den Tempomaten bedient. Man könnte natürlich von Hand bzw. Fuss korrigieren, das machen aber die wenigsten. Wie schon beim Audi Q8 ist auch im E-Tron die Tempomat-Funktion in der Lage mitten im Hunderter-Bereich Gas zu geben, zuerst bremst es und dann fährt es wieder schneller als erlaubt. Beides nicht ganz in meinem Sinn und ich würde das abschalten wenn ich viel Audi fahren müsste. Für mich nicht nachvollziehbar ist das Verhalten mit Tempomat im Stau. Da wird beschleunigt und gebremst als ob nur die nächsten 50 Meter zählen, das macht der E-Tron absolut schwach und gar nicht nachhaltig. Da müsste man einen Knopf einbauen der das ganze drosselt, damit man sachte schneller wird und auch sachte verzögert wenn es wieder mal zum Bremsen führt.
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Die vielversprechenden Kamerasysteme sind in meinen Augen eine Fehlinvestition und eine Fehlentwicklung, kaum einer wird damit glücklich. Oft stimmt die Helligkeit nicht, manches Mal sieht man im Seitenspiegel deutlich weniger als ohne Spiegel und wer da in einer dunklen Tiefgarage rückwärts einparkieren will, sollte sich starke Taschenlampen ins Auto legen.
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Mein Fazit zum Audi E-Tron
Der Audi E-Tron ist der erste vollelektrische Audi der Neuzeit, der aber von Ingenieuren entworfen wurde, die bislang Benziner und Diesel hergestellt haben. Das bemerkt man zu gut, Leider! Der E-Tron ist ein tolles Elektroauto für jene die es gerne herkömmlich haben, eher weniger weit fahren und dafür aber auf Prestige setzen. Vieles am E-Tron ist perfekt, einiges kann man in Frage stellen. Insgesamt ist der E-Tron aber ein sehr gutes Auto geworden, das haben die Ingenieure gut gemacht. Weshalb man kein Elektroauto baut entzieht sich meiner Kenntnis, für das investierte Geld hätte man mit wenig Engagement noch besser sein können. Schlussendlich kann der E-Tron bei der Technik (Vorsprung durch Technik) nicht ganz überzeugen, er ist gut geworden aber nicht so überragend. Ich kann nicht verstehen weshalb der Gesetzgeber den Kameras als Seitenspiegel zugestimmt hat, für mich sind diese Spiegel gemein gefährlich und kaum einer fühlt sich damit wohl. Oft passt die Helligkeit nicht, oft sieht man deutlich weniger in den Seitenspiegeln als am Innenspiegel. Manches Mal sieht es im Seitenspiegel aus als ob es Nebel hat und wer von draussen in eine Tiefgarage fährt sieht erst mal gar nichts mehr.
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Der Preis ist mit 130’197.- CHF für den Testwagen inklusive aller Extras recht hoch, es beginnt aber schon bei 91’800.- Franken. Den Verbrauch gibt Audi mit 23.7 bis 24.6 kWh an. Das ist ein sehr hoher Wert und zeigt, dass Audi Elektromobilität noch nicht zu Ende gedacht hat.

Bemerkung zu Audi:
Da man sich bei Audi scheut den neuen Q5 PHEV zu einem Verbrauchstest abzugeben (nicht in drei Monaten oder schauen wir mal – sondern Nein!), der E-Tron nur für eine Woche zur Verfügung stand aber jedes Mal wenn ich auf dem Gelände war mehrere Fahrzeuge herum stehen, der R8 gar drei mal verweigert wurde (in vier Jahren) und auch sonst nicht verfügbar ist, was ich wollte (statt A8 gab es Q8), werde ich künftig keine Audi mehr testen. Zudem hatte das Unternehmen den Wunsch, mich kennen lernen zu wollen und in diesem Gespräch deutliche Worte verwendet, wie positiv ich die Audi darstellen soll. In diesem Gespräch wurden Passagen von meinen bisherigen Texten zitiert die man nicht gerne gelesen hat und Audi scheute sich nicht, mir Vorschläge zu machen, was ich wie schreiben könnte. Tut mir leid, so arbeite ich nicht. Punkt. Mit dem Test zum E-Tron schliesse ich das Kapitel.

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